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Vorurteile, Klischees und Realität
Es gibt keinen optimalen Zeitpunkt für eine Trennung.
Es ist nicht sinnvoll, der Kinder wegen jahrelang in einer kaputten Beziehung auszuharren. Laut Expertenmeinung verkraften ältere Kinder eine Trennung oder Scheidung der Eltern nicht besser als jüngere. Demnach macht es keinen Sinn, mit einer Trennung zu warten, bis die Kinder "aus dem Gröbsten heraus" sind. Es ist eine Illusion zu glauben, Eltern könnten Kindern eine heile Welt vorspielen. Kinder haben ein ausgeprägtes Sensorium für Spannungen und "dicke Luft". Und sie leiden darunter. In der Pubertät ist eine Trennung für Kinder jedenfalls am schwersten zu verkraften. "Die normale Ablösung des Jugendlichen von seinen Eltern und das Abschiednehmen der Eltern von ihrem Kind fallen dann mit dem Scheitern der Beziehung der Eltern zusammen. Das sind sehr viele Erschütterungen auf einmal." (Largo/Czenin: Glückliche Scheidungskinder, München 2003)
Scheidungskinder sind keine Problemkinder.
Kinder aus geschiedenen Ehen oder getrennten Partnerschaften werden mitunter als besonders gefährdet, Schulversagerinnen und Schulversager, bindungsunfähig und möglicherweise sogar gewalttätig oder drogensüchtig abgestempelt.
Langzeitstudien aus Deutschland und aus den USA zeigen, dass sich 80 Prozent der Kinder aus geschiedenen Ehen langfristig völlig normal entwickeln. Zwanzig Prozent der Kinder, die mit Vater und Mutter aufwachsen sowie zwanzig Prozent der Scheidungskinder entwickeln Verhaltensauffälligkeiten:
"Ausgehend von den uns heute vorliegenden Untersuchungen kann als erwiesen gelten, dass Kinder aus Ein-Eltern-Familien
- in keiner Hinsicht unter schlechteren Entwicklungsbedingungen aufwachsen als Kinder aus traditionellen Zwei-Eltern-Familien,
- nicht häufiger psychische oder soziale Störungen aufweisen, sondern oft sogar über bessere soziale Kompetenzen und eine größere psychische Reife verfügen als Kinder aus Zwei-Eltern-Familien,
- eher in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen,
- häufig eine größere Kooperationsbereitschaft zeigen,
- sensibler für gesellschaftliche Diskriminierungen sind und über flexiblere Rollenauffassungen von Mann und Frau verfügen als Kinder aus traditionellen Familien."
(Ochs/Orban: "Was heißt schon Idealfamilie?" Frankfurt am Main 2002)
Jede Familienform hat Vor- und Nachteile.
Alleinerziehende haben nicht mehr Probleme als andere Familien. Das Wohlbefinden der Familienmitglieder hat erwiesenermaßen nichts mit der Familienform zu tun.
Die Situation Alleinerziehender hat auch Vorteile. Sie können ihr Leben weitgehend selbst gestalten. Sie müssen ihre Entscheidungen nur vor sich - und allenfalls vor den Kindern - rechtfertigen. Alleinerziehende Frauen haben zum Beispiel deutlich weniger Hausarbeit zu erledigen als Verheiratete. Der Zeitaufwand für Hausarbeit - das belegen Erhebungen - reduziert sich durch eine Scheidung für Frauen um ein Drittel. Für Männer erhöht er sich.
Alleinerziehende sind häufiger mit finanziellen Problemen konfrontiert. Besonders davon betroffen sind Alleinerziehende, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen (können) und ausschließlich von Unterhaltszahlungen und Sozialtransfers leben.


